Miriam Wohlfarth: Gründen muss ein Berufswunsch werden  

 

Nach dem erfolgreichen Aufbau von Ratepay – wie kam die Idee banxware zu gründen?  

 

Die erste Idee zum Gründen ist durch Kundenbedürfnisse entstanden. Ich habe immer sehr nah am Kunden gearbeitet und so den Bedarf nach einer besseren Lösung für einfache Liquidität (auf Marktplätzen) erkannt. Das hat mich nicht mehr losgelassen und ich begann mich damit genauer zu beschäftigen.  

 

Es stellte sich heraus: da gibt es eine große Marktlücke. Zwar existierten viele Anbieter für normale Kredite, aber kein Unternehmen, das sofort Liquidität und das Geld am gleichen Tag anbieten kann.

 

Warum das wichtig ist? Als Unternehmen benötigt man für die unterschiedlichsten Dinge Geld, um zu wachsen und das oftmals sehr ad hoc. Stell dir vor du bist ein kleiner Händler, der für einen großen Feiertag investieren möchte. Zum Beispiel in Online-Marketing und 2-3 Aushilfskräfte, damit du mittelfristig mehr Umsatz machen kannst. Wir können anhand echter Umsätze unserer Kunden sehen, dass das keine sterbenden Unternehmen sind, die verzweifelt nach Geld Ausschau halten. Wir unterstützen damit aufstrebende Firmen.  

 

 

Hattest du Respekt davor, wieder zu gründen? 

 

Ich bin eher der Gründer- als Management-Typ. Strategie und Budgets sind immer sehr theoretisch und ich arbeite lieber Hands-On. Das macht mir mehr Spaß und jetzt war genau die richtige Zeit, sowas zu machen. Ich habe noch genügend Energie, ein gutes Netzwerk, viele Kontakte und viel Wissen über die Branche. Auch meine Mitgründer kennen die Themen sehr gut und so ist es cool, gemeinsam nochmal ganz neue Sachen zu lernen.  

 

 

Stichwort Netzwerk: welche Rolle hat dieses beim Auf- und Ausbau deiner Unternehmen gespielt?  

 

Bei Ratepay hatte ich noch kein gutes Netzwerk und dadurch war es schwieriger, Termine oder Finanzierungen zu bekommen. Das eigene Netzwerk gibt einem die Möglichkeit zum Austausch, bringt Sicherheit und nimmt Sorgen: „sollte es schiefgehen, habe ich mein Netzwerk“. Es ist so wichtig, Fragen stellen zu können. Eine Person allein kann nicht Experte für Banken-Regulatorik, KI, Produktvermarktung, Vertrieb und Programmieren sein. Ich plädiere dafür, dass jeder dieser Bausteine funktionieren muss. Deswegen glaube ich fest an diverse Teams.  

 

Viele Gründer:innen sind leider sehr verkopft und können ihr Produkt im Zweifel nicht optimal präsentieren. Wenn du aber ein Unternehmen schaffen möchtest, musst du Kunden und Kooperationen gewinnen. Technologie kann so gut sein, wie sie will, am Ende man muss es verkaufen können. Deswegen ist der Vertrieb extrem wichtig – und oft unterschätzt.   

 

 

Was waren die größten Herausforderungen während deiner Gründungen? 

 

Bei Ratepay die Kapitalbeschaffung und Finanzierung. 2009 fand wegen der Finanzkrise niemand Finanzprodukt auch nur annähernd sexy. Wir wurden von den VCs fast ausgelacht, zudem hatte niemand von uns eine Gründungshistorie oder einen Elite-Uni Abschluss. Schlussendlich hat das Netzwerk und ein Kontakt geholfen, einen Business-Plan zu schreiben und uns geholfen, richtig auf die Investoren zuzugehen. Danach war es schwer, da wir uns innerhalb des Gründerteams zerrüttet haben. Am Ende war ich allein verantwortlich und musste ganz offen meine Schwächen kommunizieren. Durch den transparenten Umfang war das Verhältnis mit den Investoren sehr von Vertrauen geprägt und das war ein gutes Learning.  

Als wir mit Banxware angefangen haben, sah die Welt noch anders aus. Es war Herbst 2019 und mein Co-Founder Jens und ich haben auf einer Konferenz an der Idee gesponnen. Wir konnten schnell eine Bank finden, die mitmachen wollte, haben den ersten MVP gebaut, einen Pilot-Kunden ausgewählt und schon Im Februar 2020 war alles bereit für den Start. Dann kam Corona, der ausgewählte Kunde sprang ab und unsere Bank – die Wirecard-Bank – ging in die Luft. Wir mussten erst alles wieder aufbauen, wie bei einem umgefallenen Jenga, und das hat viel Zeit gekostet. 

 

   

Welche Tipps würdest du anderen Gründer:innen mitgeben? 

 

  1. Einfach mal machen und nicht ewig warten. Die Abenteuerlust wird definitiv belohnt, denn es macht Spaß zu sehen, wie aus der eigenen Idee etwas ganz Großes wird. 
  2. Keine Angst und Zweifel haben, was passiert, wenn es scheitert. Nur 1 von 10 Startups schafft es, deswegen muss man daran glauben. 
  3. Man muss immer wieder aufstehen und nicht direkt verzweifeln, wenn etwas schiefläuft. Fehler sind Teil des Prozesses. 
  4. Möglichst jung und mit kleinem Kostenapparat gründen. Hat man erstmal eine Wohnung, Kinder und allerhand Versicherungen ist das finanzielle Risiko viel größer.   

 

Stört es dich, dass Finanzen oft als „langweilig“ gelten und viele Menschen sich nicht damit beschäftigen wollen? 

 

Es ist schade, weil es jeden betrifft. Jeder muss sich mit seinen Finanzen auseinander setzen, jeder macht es, aber keiner spricht drüber. Ich finde die Entwicklungen, die derzeit stattfindet, unglaublich spannend. Es gibt zum Beispiel immer mehr vertikalisierte Plattformen und Nischen-Marktplätze. Ich glaube sehr stark daran, dass Einfachheit und Fokussierung auf ein spezielles Vertical Erfolg bringen.  

 

Es herrscht eine große Nachfrage nach Finanzprodukten. Erfolgreiche Ökosysteme brauchen verschiedene Produkte und auch integrierte Finanzdienstleistungen – ähnlich einer Bank. Ein digitales Zuhause für eine Zielgruppe. Menschen sehnen sich nach Schnelligkeit und Einfachheit sowie intuitiven Oberflächen und Prozessen. 

 

Die Rolle der Banken wird sich ändern. Die Bank muss zum Menschen kommen und nicht andersherum. Und das nicht mehr als “Bank” sondern als integrierte Lösung innerhalb einer Plattform, die für den Kunden die größe Relevanz hat. Eine Umfrage hat ergeben, dass wenn Marken wie Lidl oder Amazon Konten anbieten würden, die Menschen das zu großer Zahl in Anspruch nehmen würden.   

 

 

Was muss die Politik tun, um Gründer:innen besser zu unterstützen?  

 

Es gibt bereits viele Initiativen wie den Zukunftsfonds, aber es muss mehr passieren und die Wirtschaft muss stärker an Startups herangeführt werden und Kooperationen schließen. Hier brauchen wir eine Brücke zwischen Mittelstand und Startups, denn der Mittelstand will digitalisieren und die Startups brauchen Kunden. Auch der Staat muss verstärkt mit Startups arbeiten und könnte eine Quote bei öffentlichen Ausschreibungen einführen. Israel ist hier ein Vorzeige-Land für Innovation. Der Staat fördert die Szene aktiv, wodurch es wahnsinnig viele, große Startups gibt.  

 

Bilder und Rollenvorbilder müssen sich ändern. Es braucht Kinderbetreuung für weibliche Gründer. Ich habe nie aufgehört zu arbeiten und wurde dafür viel angefeindet. Dabei habe ich ein tolles Verhältnis zu meiner Tochter. Es muss hier mehr passieren und das Thema Kinder muss ein Familien- kein Frauenthema werden. Es braucht mehr Flexibilität für Eltern und mehr Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, denn als Eltern ist man gemeinsam für ein Kind verantwortlich.  

 

Es handelt sich um ein Gesellschafts-Thema: es muss aus den Köpfen raus, dass eine Mutter eine Rabenmutter ist, wenn sie wegen einem Kind nicht zurückstecken will. Das hält viele Menschen vom Gründen ab und das ist schade, denn es gibt zu wenige Gründerinnen in Deutschland. 

 

 

Wie siehst du die Zukunft der Bildung, einem deiner Herzens-Themen?   

 

Die Bildung muss sich dem Wandel anpassen. Schulen müssen zeigen, was die Berufe der Zukunft sind und die Fächer sollten hinterfragt werden. Gründen sollte mehr und mehr ein Berufswunsch werden. Die Zeit, in der bestimmte Fächer gelehrt werden, könnte auch für neue Fächer genutzt werden – zum Beispiel Alltags-Wissen, digitale Skills und Programmieren. Unser altbackenes Schulsystem muss reformiert werden. Und das ist aufgrund des föderalistischen Systems schwer. Wir brauchen Reformen, sonst bekommen wir nie eine Einigung und neue Wege, um schnellere Entscheidungen zu treffen.  

 

Wir haben einen Fachkräftemangel und benötigen mehr Mitarbeiter mit digitalen Fähigkeiten. Wenn wir nicht mit Innovation Schritt halten, wird unser Wohlstand verloren gehen, denn das aktuelle System funktioniert nicht mehr – und hier müssen wir eben in den Schulen ansetzen.  

 

 

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