Dr. Walter Döring über deutsche Weltmarktführer, Mut und Unternehmer von Morgen

Dr. Walter Döring ist Wirtschaftsminister a.D. und Inhaber der Akademie der Weltmarktführer. Er hat jüngst sein neues Buch „WELTMARKTFÜHRER – Innovationen made in Schwäbisch Hall-Hohenlohe“ herausgebracht. Dies haben wir zum Anlass genommen, mit ihm über die Weltmarktführer und das Unternehmertum (von Morgen) zu sprechen.

 

Warum haben Sie beschlossen, dieses Buch zu schreiben?

Es gibt mehrere Gründe. Meine wunderschönen Heimatregion besitzt eine unglaubliche Vielfalt an sensationell guten Unternehmen. Diesen wollte ich gerne ein Buch widmen.

 

Die Stärke des deutschen Mittelstandes beruht zu einem Großteil auf den außerordentlichen Leistungen der Familienunternehmen in Deutschland. Deshalb freut es mich sehr, dass Familienunternehmen durch dieses Buch die Würdigung und Anerkennung erhalten, die sie wirklich verdienen.

Peter Altmaier, Bundesminister für Wirtschaft und Energie

Ich möchte mit diesem Buch Mut machen – besonders in dieser Zeit, in der wir Mutmacher brauchen. In einer Zeit, in der junge Menschen Inspiration brauchen, um sich zu trauen, den Weg in das Gründertum einzuschlagen. Es geht mir darum, den Ursprung von großartigen Unternehmen zu zeigen. Zu zeigen, wie es dazu kam und wie insbesondere schwierige Zeiten Wege aufzeigen können. Mit meinem Buch will ich unterstreichen, dass man „es packen kann“, wenn man fleißig ist und den Mut hat, die Nummer Eins werden zu wollen.

 

Wo sehen Sie Gemeinsamkeiten zwischen den Firmen, mit denen Sie gesprochen haben?

Grundlegend stimmen die Unternehmen in einer Sache überein: sie wurden von einem Menschen geschaffen, der eine Idee hatte – und die innere Überzeugung, dass diese Idee gut ist und man es damit schafft.

Es zeigt sich: Man muss die Chancen ergreifen, hart arbeiten und viele Wochenstunden investieren. Man muss immer wieder tüfteln und sich ständig verbessern, um im Nachgang höherpreisige Produkte und Dienstleitungen anbieten zu können. Dadurch kann man nicht nur Kunden im unmittelbaren Umfeld überzeugen, sondern über weite Grenzen hinaus. Das haben all diese Unternehmen auf unterschiedliche Weise geschafft.

Die beliebte Schlagzeile “Aus dem Nichts gegründet” halte ich für Nonsens. Nichts entsteht aus Nichts. Würde man dies behaupten, verleugnet man die Idee und all die vielen Gedanken, die sich Gründer machen. Jeder Erfolg entsteht aus den Köpfen der Gründer, das ist der entscheidende Punkt.

 

Welche Geschichte hat Sie besonders fasziniert?

Die der Firma Bürkert aus Ingelfingen:

Das Unternehmen wurde in der Nachkriegs- und Besatzungszeit gegründet. Das Unternehmen erkannte das Problem, dass die Amerikaner am liebsten Hühnerfleisch aßen, die Nachzucht aber nicht schnell genug voranging. Die Lösung? Man baute Hühnerbrutkästen aus einfachsten Materialien, damit mehr Küken heranwachsen können. Um möglichst viele Kästen zu bauen, wurde verwendet, was gerade da war – so wurden sogar Teile eines abgeschossenen Düsenjets für die Brutstätten genutzt. Faszinierend, dass die Geschichte eines heute hochtechnologischen Unternehmens so startete.

 

Warum denken Sie, dass gerade Ihre Heimat so großartige Unternehmen hervorgebracht hat? Gibt es spezielle Gründe oder günstige Voraussetzungen hierfür?

Die Nachkriegszeit war meines Erachtens der entscheidende Startschuss für viele der Weltmarktführer: Die Menschen kamen grade aus einer schwierigen Zeit, waren hungrig und hatten nichts. Aus dieser Not entwickelte sich ein enormer Ideenreichtum, Mut für Neues und eine große Innovationskraft. Jeder hatte die Chance für einen Neuanfang und dachte sich vielleicht: „Ja, es ist eine schlechte Zeit, aber jede Zeit der Krise ist eine enorme Chance”.

 

Wie definiert sich ein Weltmarktführer?

Bis vor vier oder fünf Jahren gab es eine ganze Bandbreit an Zahlen und Auffassungen hierzu – wer würde sein Unternehmen schließlich nicht gerne mit dem wohlklingenden Titel „Weltmarktführer“ schmücken?

Ich habe deshalb gemeinsam mit der Uni St. Gallen und der WirtschaftsWoche an einer einheitlichen Definition gearbeitet. Dadurch konnten wir die Zahl von anfangs 1500 Unternehmen auf 600 echte „Weltmarktführer“ verfeinern.

Um als Weltmarktführer zu gelten, müssen Unternehmen im Wesentlichen folgende Punkte erfüllen:

  • >50% der Waren gehen in den Export
  • Unternehmerische Tätigkeiten auf mindestens zwei, besser drei, Kontinenten
  • Ein gewisses Umsatzvolumen auf den einzelnen Märkten, um die Marktbedeutung nachweisen zu können

 

Wie wird man vom Unternehmer zum Weltmarktführer?

Durch langfristiges Denken. Nicht immer nur zahlen- und ergebnisbasiert. Familienunternehmen denken in langen Linien. Dabei ist es wichtig, dass auch mal in die falsche Richtung gelaufen werden darf. Fehler werden toleriert. Es wird laufend erforscht, entwickelt und getüftelt. 70% der Weltmarktführer sind Familienunternehmen. Warum? Die Eigentümer haften mit Haus und Hof für ihre Geschäfte – ganz anders als der klassische Manager.

Es braucht den Mut, in die Welt hinauszugehen und Neuland zu betreten. Schon in den 50er Jahren haben Unternehmen so den Weg für andere bereitet, die international werden wollten. Deutschland war nicht umsonst lange Exportweltmeister. Wir waren es, weil wir eben viele Unternehmen hatten, die in die Welt hinausgegangen sind.

Weltmarktführer investieren mehr in Forschung und Entwicklung als andere und treiben so Innovationen voran. Außerdem haben Weltmarktführer den Drang zur Globalisierung und beobachten ständig die Entwicklungen von Kunden und Märkten.

 

Sie waren lange in der Politik tätig: Welche politischen Strukturen stärken oder schwächen unsere Unternehmenskultur aus ihrer Sicht?

Ich finde, dass der Staat aktuell zu viel eingreift (bezogen auf Corona). Milliarden an Hilfen oder die Festlegung auf bestimmte Technologien sind nicht gut. Der Staat ist nie der bessere Unternehmer. Denn Unternehmer haften immer selbst. Die Abstände der Regeln werden immer kürzer – ein Negativ-Beispiel sind hier die CO2-Vorgaben in der Automobilbranche.

Unternehmen brauchen Freiräume, zuverlässige Rahmenbedingungen und klare Leitlinien. Sie müssen sich darauf verlassen können, dass ihnen nicht ständig Steuererhöhungen oder neue bürokratische Vorschriften auferlegt werden. Sie sind auf fairen Wettbewerb und die Bereitstellung von Forschungsmitteln angewiesen – jegliches Eingreifen verzerrt Wettbewerb.

 

Welche Bedürfnisse haben die Unternehmen in Deutschland? Wo besteht Nachholbedarf?

Erst diese Woche ist ein Artikel im Handelsblatt erschienen. Darin heißt es, dass Deutschland laufend an Wettbewerbsfähigkeit verliert. Mit Platz 17 befinden wir uns laut Länderindex Familienunternehmen auf einem neuen Tiefstand im internationalem Standortvergleich. Damit stehen wir deutlich schlechter da als zum Beispiel Frankreich oder die USA.

Außerdem gibt es Staatseingriffe, die die Bedingungen für Unternehmen verschlechtern. Dazu gehört beispielsweise die fehlende Infrastruktur im Breitbandausbau. Auch die fatale Umsetzung von Großprojekten – wie dem Berliner Flughafen – sind denkbar schlecht für die Bewertung unseres Standortes.

 

Was wünschen Sie sich von den Unternehmern der Zukunft?

Unternehmerisches Denken. Kürzlich habe ich gelesen, dass der öffentliche Dienst das Nummer eins Berufswunschziel von Jugendlichen in Deutschland ist. Das bewerte ich sehr kritisch für die Zukunft: wir brauchen Innovatoren statt Sicherheitsdenken.

Länder wie Israel und China rücken an uns vorbei. Wir brauchen einfach einen Schuss mehr Mut. Wir haben jegliche Qualifikationen, die Menschen müssen einfach mutig in die Selbstständigkeit gehen und Ideen gemeinsam realisieren – wie die Unternehmer in diesem Buch.

 

Können StartUps den Mittelstand bereichern?

Als ehemaliger Wirtschaftsminister stehe ich in engem Kontakt zu vielen Top-Unternehmern aus dem Mittelstand. Dabei wird mir immer wieder bewusst, wie wichtig es ist, dass gestandene Unternehmen mit neuen Geschäftsmodellen in den Austausch treten.

Wir müssen in Generationen denken – Herkunft und Zukunft, Zukunft und Herkunft miteinander verbinden! Unsere seit Jahrzehnten erfolgreichen Unternehmen können dabei wertvolle Innovationen und Impulse mitnehmen – denn StartUps arbeiten und denken anders. Dies ist jedoch keinesfalls einseitig: auch die Gründer lernen vom Mittelstand und seinen Erfahrungen. Das Matching bringt entscheidende Vorteile für beide Seiten mit sich.

 

Warum sind Sie ein Befürworter von SalsUp?

StartUps sind mittlerweile das gefragteste Thema, das es überhaupt auf dem Markt gibt, wenn sich Unternehmen weiterentwickeln wollen. Meine Erfahrung zeigt, dass es dringend notwendig ist, den bekannten Unternehmen Zugang zu StartUps zu ermöglichen.

 

SalsUp ist eine fantastische Plattform, die jede Unterstützung verdient hat.

 

Auf der SalsUp Plattform habe ich als Unternehmer aktuell über 88.000 StartUps direkt verfügbar. Ich kann direkt nach Gründern in meinem Themenfeld suchen und brauche keine eigenen Ressourcen für die Recherche aufwenden. Besonders der Mittelstand kann enorm viel Geld sparen, wenn er keine ganze Abteilung für diesen Geschäftsbereich aufbauen muss. StartUps auf der anderen Seite haben enorme Chancen gefunden zu werden. Beide Seiten sparen Zeit.

 

Weitere Informationen zum Buch

In einem von Agrarwirtschaft geprägten Landstrich entsteht in wenigen Jahrzehnten die höchste Dichte von Weltmarktführern. Wie erklärt sich das enorme Wachstum in Schwäbisch Hall-Hohenlohe? Und wie kamen die Unternehmen von der Provinz hinaus in die Welt? Welche Bedeutung spielen Innovationen auf dem Weg zur Weltmarktführerschaft? Und wie bleibt man an der Spitze?

Walter Döring hat eine Vielzahl großer Unternehmen, ihre Köpfe und Geschichten in den Blick genommen und zeigt: Sie alle verbinden Familiengeist und Tradition mit unternehmerischem Mut, Weitsicht und Innovationskraft.

Mit Firmenporträts und -Geschichten von Würth, Berner, ebm papst, Kärcher, Klafs, Groninger, Fertighaus Weiss, Ziehl-Abegg, Bausch & Ströbel, Wirthwein, Bott, Veigel, Scheuerle u.v.a.m.

 

Im vorliegenden Buch können Sie in einigen spannenden Unternehmensporträts nachlesen, wie aus kleinen Anfängen eine große Unternehmensgeschichte werden kann.

Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut, Ministerin für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau des Landes Baden-Württemberg

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